Eine große Radtour hatten sich Sippe Wolf für den Sommer vorgenommen. Schnell standen die wesentlichen Zielorte der Fahrt fest. Weiterhin planten sie die Fahrt mit ihren Fahrrädern durchzuführen. Nun stand die Feinarbeit an.
In dem Jugendherbergsverzeichnis wurde eifrig geblättert, um herauszufinden, wo entlang der angedachten Tour entsprechende Übernachtungsmöglichkeiten bestanden. Natürlich kam es auch darauf an, dass die Jugendherberge maximal eine machbare Tagestour voneinander entfernt liegen durften. Da ausschließlich Jugendherbergen aufgesucht werden sollten, wurde dementsprechend darauf verzichtet, Zelt- und Lagermaterial mitzuführen.
Das sparte ganz ordentlich Gepäck, andererseits waren die Übernachtungen gebührenpflichtig.
Für eine Übernachtung betrug damals das Schlafgeld für Jugendliche 0,50 DM.
Schließlich gelang es eine vermutlich geeignete Strecke, welche den gewünschten Grundbedingungen entsprach, festzulegen.
Jedes Sippenmitglied konnte nun schon einmal mit dem Sparen für die erforderlichen Kosten beginnen.
Da in den Herbergen Wäschezwang bestand, hätten die Jungen gegen eine Gebühr von weiteren 0,50 DM einen geeigneten Schlafsack vor Ort ausleihen können.
Um diese Gebühren zu vermeiden, skizzierte jeder zunächst für zu Hause ein Schnittmuster aus dem Herbergsverzeichnis.
So war es für die geübten Mütter ein Leichtes, solch einen Jugendherbergsschlafsack rechtzeitig vor Beginn der Fahrt zu schneidern.
Heinz erinnert sich:
„Unsere Sippentreffen fanden sehr häufig im Weberhäuschen an der Bürgerstraße statt. Oben tagten die Wölfe, unten übte zu unserem Leidwesen der Fanfarenzug des Stammes. Sippenführer der Wölfe war Eduard Gries. Er und wir anderen Jungen waren alle der Kirchengemeinde St. Paulus zugehörig.“
Anmerkung: Aufgrund dieser Konstellation wurde im Stamm daher auch von der „Paulussippe“ gesprochen.
Gut gelaunt und voller Vorfreude startete die Fahrt in den Sommerferien.
Einige der Pfadfinder, die schon eine Lehre absolvierten, hatten aufgrund der langfristigen Planung von ihrem Lehrherren Urlaub bekommen,
sodass sie alle gemeinsam unterwegs sein konnten.
Zunächst radelten sie von Göttingen aus gen Süden. An der Route lagen beispielsweise Kassel, Fritzlar und Marburg.
Der weitere Weg führte sie südwärts im schönen Lahntal bis nach Koblenz.
Der abgebildete Kartenausschnitt,
kopiert aus dem Fotoalbum von Erich Fütterer,
zeigt die Meilensteine der geplanten Radtour.
Hierbei zeigte es sich, dass die vorher genauestens geplanten Tagesetappen von allen gut zu bewältigen gewesen waren.
In der Nähe von Koblenz übernachteten sie in der schönen Jugendherberge im dortigen Schloss Ehrenbreitstein.
Heinz erinnert sich:
„Von dort oben hatten wir einen tollen Blick zum Deutschen Eck“.
Dort hatte sie den südlichsten geografischen Punkt, sozusagen den Wendepunkt ihrer Tour erreicht.
Von nun an änderte sich Fahrtrichtung nach Norden. Sie begleiteten den Rhein auf seinem Weg nach Holland.
Vorbei ging es an Bonn und Köln durchs Ruhrgebiet, bis sie die holländische Grenze erreichten.
Auf die zweite große Etappe, die Fahrt durch das Nachbarland, das Land der Windmühlen, hatten sie sich ganz besonders gefreut.
Beinahe schlagartig veränderte sich nicht nur die Landschaft, auch manche weiteren Begebenheiten, von denen noch berichtet wird, wurden hautnah erlebt.
Für Holland hatten sie ebenfalls im Vorfeld entsprechende Tagesetappen ausgearbeitet.
Auch hier galt, dass an den Zielorten eine Unterkunft in holländischen Jugendherbergen möglich war.
Ein längerer Aufenthalt erfolgte dann in Rotterdam. Von der Jugendherberge aus ging es zu Fuß in die Stadt. Dort gab es viel zu erkunden und zu entdecken.
Zu einem weiteren Höhepunkt der Fahrt wurde ihr Aufenthalt in Amsterdam. Um wenigstens etwas von der großen Stadt erleben zu können, gönnten sie sich hierfür ausreichend Zeit.
Erich erinnerte sich:
„An einem der Tage in Amsterdam traf ich völlig überraschend einen Jungen, der auch aus Göttingen kam.“
Anmerkung:
An einen Namen bzw. konkretere Hinweise konnte er sich leider nicht mehr erinnern.
Im Fahrtenbericht der Sippe Bär, ebenfalls in diesem Jahr in Holland weilend, befindet sich die
Auflösung!
Das nächste größere Ziel war ein Besuch der Insel Ameland.
Nachdem sie die Küste erreicht hatten, erfolgte mit der Fähre die Überfahrt.
Auf der Insel angekommen, radelten sie zunächst zur dortigen Jugendherberge, um ihr Quartier zu beziehen.
Zu dem Foto (rechts) erläuterte Erich:
„Das ist unsere komplette Sippe und direkt im Hintergrund ist unser Schlafplatz zu erkennen. Als der zuständige Herbergsvater uns als Deutsche Pfadfinder erkannte, wies er uns einen etwas ungewöhnlichen Schlafplatz zu. Auf dem Foto stehen wir an der Treppe vor der Mauer, die zu einem stillgelegten ehemaligen Wehrmachtsbunker hinab führte. Dort, nahe dem Grundstück der Jugendherberge, haben wir übernachtet.“
Heinz berichtet, wie die Pfadfinder diese doch merkwürdige Situation empfunden haben:
„Unserer Sippe war der zugewiesene Bunker letztlich sogar ganz angenehm. Zwar mussten wir anfangs erst einmal eine Menge Sand hinaus schaufeln. Schlafen mussten wir nicht auf der Erde, sondern in den aufgestellten Feldbetten. Außerdem kümmerte sich hier keiner um uns, weder der Herbergsvater noch war um 10.00 Uhr Zapfenstreich. Uns gefiel diese Freiheit, wir waren unter uns.“
Heinz erzählt auf die Nachfrage, ob sie weitere Ablehnung vonseiten der Holländer erfahren hätten:
„Ich erinnere mich nur daran, dass wir einmal auf einem Bauernhof Wasser holen wollten, was uns der Bauer jedoch verwehrte. Im Großen und Ganzen waren wir immer freundlich behandelt worden.“
Anmerkung:
Im Fahrtenbericht der Sippe Bär aus 1955, ebenfalls in Holland unterwegs, ist eine in etwa vergleichbare Begebenheit beschrieben.
Heinz Dornieden berichtet weiter über die Fahrt:
„Unser regelmäßiger Kassensturz!
Wir hatten für die gesamte Fahrt einen Finanzplan aufgestellt. Für jeden Fahrtentag waren 2,– DM pro Kopf veranschlagt worden.
Davon fest eingeplant waren 50 Pfennig für die tägliche Übernachtung in den Jugendherbergen, weitere 50 Pfennig für das Abendbrot.
Somit verblieben 1,– DM zur freien Verfügung.
In Holland kamen wir dem äußerst knapp kalkulierten Tagesbudget nicht ganz aus. Die holländischen Jugendherbergen waren etwas teurer als eingeplant.
So wurden die Lebensmitteleinkäufe kreativ beschränkt. Eine der Maßnahmen bestand darin, dass wir, um Geld zu sparen, als Brotbelag Schokostreusel in unterschiedlichen Farben kauften.
Mit Margarine als Aufstrich war dieser Belag eigentlich ganz lecker. Zur Abwechslung wurden dann täglich die Farben der Zuckerstreusel zum Frühstück gewechselt.
Von dem holländischen Kastenweißbrot hatten wir immer mehrere Exemplare in unserem Gepäck dabei. Die Brote wurden übrigens erst am 2. Tag verzehrt.
Jetzt war es von der Beschaffenheit nicht mehr so weich und wir konnten es dann mit unseren Fahrtenmessern besser in Scheiben schneiden.“
„Am nördlichsten Punkt unserer Radtour auf der Insel Ameland fühlten wir uns sehr wohl.
Nach einigen Tagen waren unsere Geldmittel bis auf die persönliche eiserne Reserve von jeweils 20,– DM fast aufgebraucht.
Diese durfte auf keinen Fall ausgegeben werden, denn damit sollte die Rückfahrt mit der Bahn in Deutschland bezahlt werden.
Für unsere Sippe, die Wölfe im Stamm Göttingen, war die gut gelungene Fahrt ein besonderes Erlebnis.
Leider blieb es bei dieser einen großen Sippenfahrt, denn etwa in der Mitte des darauf folgenden Jahres löste sich die Sippe aufgrund unserer persönlichen Werdegänge,
wie beispielsweise Abiturvorbereitungen, Beginn von Lehre und Ausbildung, Wohnsitzwechsel usw. leider auf.“
Wie dieser Bericht entstehen konnte, erzählt eine interessante Geschichte.